Fremde Geschichten im eigenen Gewand – Telltale und die Lizenzen

Telltale Games sind für ihre brillanten Episodenadventures bekannt. Zu den bekanntesten Reihen gehören hier Game of Thrones, Sam & Max und The Walking Dead. Mit Minecraft: Story Mode ist bereits das nächste Projekt in Planung, die kürzlich bekannt gegebene Partnerschaft mit den Comic-Titanen Marvel lässt auf viele weitere, spannende Titel schließen.

Bei all diesen starken Lizenzen fällt ein Umstand frappierend auf: Telltale Games scheint quasi über keine eigenen IPs (Intellectual Properties, geistiges Eigentum) zu verfügen. Warum sonst sollen sie denn komplett auf fremde Welten und Geschichten zurück greifen? Oder ist diese Annahme ein Trugschluss, haben Telltale einen großen Plan hinter ihrer Taktik? Versuchen wir zu analysieren, was diese Firma antreibt und warum sie schlicht keine eigenen Lizenzen ausarbeiten müssen.

Ungewöhnliche Anfänge verglichen mit heutigen Titeln.

Ungewöhnliche Anfänge verglichen mit heutigen Titeln. Die Optik allerdings wirkt bekannt.

Werfen wir zunächst einen Blick auf Telltales Ursprünge. Das vergleichsweise junge Studio wurde 2004 von drei ehemaligen LucasArts-Mitarbeitern gegründet, deren letztes Projekt das eingestellte Sam & Max – Freelance Police war. Konkret handelt es sich bei den drei Begründern der Spieleschmiede um Dan Connors, Kevin Bruner und Troy Molander, die auch heute noch alle Teil der Firma sind. Die Entwickler taten sich mit anderen Adventure-Schöpfern zusammen, die in der Entwicklung namhafter Titel, wie beispielsweise Grim Fandango, Monkey Island und Sam & Max – Hit the Road involviert waren. 2005 erschien mit Telltale Texas Hold’em auch gleich der erste Titel der jungen Softwareschmiede, ein Pokerspiel. Nach diesem Debüt, das für die Beteiligten eher untypisch wirkte, folgte im selben Jahr direkt das erste Adventure: Bone – Out from Boneville.

Von Anfang an beschritten Telltale Games also den Weg, den sie bis heute erfolgreich verfolgen. Bereits hierbei wurde nämlich mit einer Lizenz gearbeitet, der Titel basiert auf dem Comic Bone von Jeff Smith und war direkt als Episodenadventure konzipiert. „Mit dem Release von Boneville feierte auch Telltales eigene Grafikengine,
die in vielen nachfolgenden Titeln verwendet wurde, Premiere. Diese ist stark für den typischen Look und das Feeling der Adventures des Studios verantwortlich. Bone wurde 2006 mit einer zweiten Episode bedacht und von den Kritikern überwiegend sehr positiv aufgenommen.

Der Start der Telltale-Adventures.

Der Start der Telltale-Adventures.

Von diesem Release an schien der Kurs klar in Richtung Lizenz-Adventures zu gehen. Neben einigen Episoden, die sich auf die Fernsehserie CSI – Crime Scene Investigation bezogen, konnten die ehemaligen LucasArts-Mitarbeiter sogar die Entwicklung des eingestellten Sam und Max wieder aufnehmen. Es wurden insgesamt drei Staffeln produziert, die alle großen Anklang finden konnten und auch die Fans des Originals von 1993 begeisterten. Witziger Fakt am Rande: selbst das originale Sam und Max basiert auf einem Comic, wurde aber zumindest nicht von Telltale Games produziert.

Den Telltale-Mitarbeitern kann viel vorgeworfen werden, jedoch keine Faulheit. Seit der Gründung erschien jedes Jahr eines oder mehrere Spiele, beziehungsweise Episoden. 2009 erschienen Wallace and Gromit sowie Tales of Monkey Island, beides natürlich episodische Adventures. Mit Jurassic Park und Zurück in die Zukunft konnten zwei weitere große Lizenzen an Land gezogen werden und die Verkäufe der Firma florierten. Allerdings schossen die Entwickler mit Jurassic Park einen großen Bock, der Titel war schlicht nicht gelungen oder ansatzweise gut. Den richtigen großen Durchbruch sowie die mediale Aufmerksamkeit konnten sie sich endgültig im Jahr 2012 sichern. Die erste Episode zu der Reihe The Walking Dead wurde veröffentlicht, die durch ihre großartigen, herzzerreißenden Geschichten zu bestechen weiß. Spätestens mit dieser Veröffentlichung machten Telltale klar: sie sind eine ernst zu nehmende Größe im Adventure-Sektor und können nicht nur witzig und „anspruchslos“. Zu beachten bei The Walking Dead ist, dass die Spiele nicht auf der Fernsehserie, sondern lose auf den Comics basieren.

Der endgültige Durchbruch, geschuldet den emotionalen und grandiosen Geschichten.

Der endgültige Durchbruch, geschuldet den emotionalen und grandiosen Geschichten.

Hier hatten Telltale ihren Sparte für die nächsten Jahre gefunden. The Walking Dead umfasst mittlerweile zwei Staffeln, beide warten durch stellenweise richtig krasse Entscheidungen und Geschichten auf. Auch verkauften sich die episodischen Zombie-Titel mehr als gut, es konnten alleine 8,5 Millionen Episoden aus der ersten Staffel abgesetzt werden. Auch The Wolf Among Us stellt sich, sieht man über die durchaus witzig wirkende Präsentation hinweg, als knallharter Thriller heraus. Zum Thema Game of Thrones braucht vermutlich nicht mehr viel erzählt zu werden. Jeder, der die Fernsehserie kennt, wird von den Telltale-Games nicht allzu sehr überrascht sein. Schön ist hierbei jedoch zu sehen, dass die Schauspieler gut erkennbar in die hauseigene Grafikengine umgesetzt wurden.

Mit Tales from the Borderlands besinnt sich das Studio wieder ein wenig auf seine Wurzeln im witzigen Sektor. Basierend auf der Borderlands-Reihe, die nicht unbedingt für ihren ernsten Charakter bekannt ist, fährt das Adventure genau die selbe Schiene. Pausenlos hagelt es flotte Sprüche und es treten unentwegt absurde Situationen auf. Abgerundet wird das ganze durch die durchdachte Geschichte sowie den perfekt passenden Grafikstil. Mit dem zukünftig erscheinenden Minecraft – Story Mode, das zusammen mit Mojang entwickelt wird, dürfte die Spaßschiene nun auch weiterhin bedient werden. In welchen Richtung die Partnerschaft mit Marvel sich bewegt steht noch in den Sternen. Das Universum würde allerdings von Thriller über Liebesgeschichten bis hin zu aberwitzigen Komödien alles hergeben. Wir dürfen gespannt sein was Telltale damit anstellen.

Eine Story zu Minecraft? Laut Telltale möglich.

Eine Story zu Minecraft? Laut Telltale möglich.

Wir sehen also, Telltale Games können verschiedenste Arten von Adventures machen und dabei diverse Gefühle beim Spieler selbst hervor rufen. Warum also greifen sie quasi seit Anbeginn der Firmengeschichte auf Fremdlizenzen zurück? Zunächst fällt auf, dass sie frappierend in Richtung Comic-Versoftung gehen. Das liegt sehr nahe, bieten die bunten Hefte doch starke Geschichten, die wie geschaffen für das Haupt-Genre der Softwareschmiede ist. Telltale haben somit einen storytechnischen roten Faden, an dem sie sich lose orientieren können, dabei aber genug künstlerische Freiheit, um die Werke so umzusetzen wie sie es verdient haben: gut! Schließlich beherbergt das Studio einige, mehr als fähige Geschichtsschreiber, die in ihrer Rolle voll aufgehen und immer wieder auf’s neue starke Geschichten und packende Dialoge abliefern.

Ebenso verhält es sich bei Borderlands. Es wurde das erzählerische Potential erkannt, dass in der Spielwelt Pandora und ihren Bewohnern steckt. Da in Shootern meist nur ein sehr kleiner Platz für Geschichtenerzählung eingeräumt ist, wurde also eine Chance ergriffen, der Serie noch mehr Charakter zu verleihen. Dieser Schritt bietet sowohl Telltale die Möglichkeit, auf der Welle einer großen Marke zu reiten, als auch Gearbox, ihre Schöpfung den Gamern näher zu bringen, die mit dem eigentlichen Titeln nichts anfangen können. Über diese Philosophie funktioniert letztendlich jedes Machwerk von Telltale. Und sind wir uns ehrlich, die Rechnung geht auf.

Albern, aber nicht  minder erfolgreich.

Albern, aber nicht minder erfolgreich.

Wir sehen also: mit der Schiene, die Telltale fährt ist so ziemlich jeder glücklich. Für die Fans der umgesetzten Comics, Filme, Serien oder Spiele gibt es interessantes und zusätzliches Futter zu ihren liebsten Reihen. Dem Studio selbst bietet sich die verführende Möglichkeit, sich bei bereits bestehenden Universen zu bedienen und diese quasi nach Belieben zu erweitern oder gar umzudichten. Die Schöpfer der Originale freuen sich über zusätzliche Titel, die ihre Reihen bewerben und über die Lizenzgelder, die mit Sicherheit in reichlicher Menge fließen werden.

Es ist also keine Faulheit, was Telltale dazu bewegt, auf fremde Lizenzen zurück zu greifen. Vielmehr sehe ich das als Fan-Service. Sie nehmen bestehende Werke, die sie vermutlich selbst schätzen und ehren, und machen daraus ihre eigenen Kinder. Durch den Umstand, dass die Entwickler selbst Fans der bearbeiteten Marke sind, ist zudem ein selbst auferlegter Druck da, der sie antreibt, das Beste aus dem Material zu machen, an dem gerade gearbeitet wird. Das ist der einzige Grund mit dem ich mir erklären kann, warum Telltale-Spiele immer wieder auf’s Neue so gut funktionieren und das trotz der sehr ähnlichen Mechanik untereinander.

Ich freue mich immens auf die neue Marvel-Lizenz und bin gespannt, was damit genau umgesetzt wird. Ebenso bleibt es spannend, welche weiteren Lizenzen zukünftig umgesetzt werden. Telltale dürfen wegen mir noch sehr viele Jahre weiter existieren und Spiele machen. Auf das ich weitere darüber lache, wegen ihnen weine oder in einem seltsamen Zustand zwischen diesen beiden Stadien hänge.