Wunderschöne, bedrückende Einsamkeit – Titan Souls

Erstmals bei dem Entwicklercontest Ludum Dare gezeigt, erblickte nun die fertige Fassung von Titan Souls das Licht der Welt. Vertrieben von Devolver Digital und entwickelt von Acid Nerve wurde der Titel oftmals als Mischung aus Dark Souls und Shadow of the Colossus bezeichnet. Wäre ich ersterem bis heute nichts abgewinnen kann habe ich zweiteres zu meiner Schande selbst nie zu Ende gespielt. Speziell der Vergleich mit SotC ist mehr als nahelegend, war Titan Souls doch ursprünglich als „Demake“ geplant, also als eine Neuauflage eines aktuellen Titels im alten Gewand.

Die Publisher sind mir bereits durch Titel wie Hotline Miami, OlliOlli oder Broforce mehr als sympathisch geworden und das Konzept fand ich durchaus ansprechend. Also habe ich mir Pfeil und Bogen geschnappt und den Kampf gegen die namensgebenden Titanen aufgenommen. Ich kann diesen Artikel insoweit spoilern, dass mich Titan Souls schlicht verzaubert hat. Woher dieser Zauber kommt und was ein so besonderes Erlebnis aus dem Titel macht werde ich nachfolgend versuchen zu erläutern.

Keine Erklärung, keine Begrüßung, nichts. Wir werden direkt in die faszinierende Spielwelt gespuckt. Lediglich ein kurzes Tutorial erklärt die grundlegenden Bewegungsmechaniken. Wir können eine Ausweichrolle vollführen, schnellere laufen und einen Pfeil abschießen. Mehr Aktionen bietet uns Titan Souls nicht. Mehr werden auch nicht benötigt. Nach der kurz gehaltenen Einweisung landen wir auf einer Plattform, von der aus es lediglich nach oben geht. Also wagen wir die ersten Schritte in eine unbekannte Zukunft.

SPIELWELT ZUM VERLIEREN

Sofort besticht die wunderschöne Pixeloptik des Spiels. Alles wirkt wie aus einem Guss und ist trotz des minimalistisch anmutenden Stils sehr detailverliebt und durchgehend liebevoll designed. Die gesamte Spielwelt erinnert mehr an einen Titel aus der Legend-of-Zelda-Reihe als an ein Dark Souls. Es gibt sogar ein Gebiet, das frappierend an die berühmten „Lost Woods“ aus der Reihe rund um den kleinen Helden mit der grünen Zipfelmütze erinnert. Auch Standardgegner lassen auf sich warten, zu Beginn erwartet uns lediglich eine große Treppe, um die herum vier verschlossene Tore platziert sind. Am Boden befindet sich eine Plattform, in der verschiedene Ornamente eingemeißelt sind, umgeben von vier kreisrunden Symbolen. Die Augen in den Toren beobachten uns, es führt kein Weg zurück. Also wird ein Pfeil auf den Glubscher geschossen, woraufhin sich die Pforte öffnet. Wir treten ein.

Selbst diese idyllische Wasserstelle ist wie leer gefegt.

Selbst diese idyllische Wasserstelle ist wie leer gefegt.

VON NULL AUF HUNDERT

Wir betreten ein tunnelähnliches Gebäude das unheilvoll erzittert. Hier sollen wir gleich auf unseren ersten Feind treffen, einen riesigen Blobb. Als wir uns vorsichtig nähern springt er auf uns, wir sind tot. Titan Souls nimmt von Beginn an genau so wenig Gefangene, wie es erklärt was zu tun ist. Wir sind wie frisch geboren, in eine Welt geschmissen die wir nicht kennen, mit einer Aufgabe die uns nicht bewusst ist. Das einzige was wir zu wissen glauben ist, dass wir die Titanen erledigen müssen. Also stellen wir uns ihnen, einem nach dem anderen. Jeder Bedarf einer speziellen Taktik, keiner verhält sich wie der andere. Aber warum leben sie in dieser wunderschönen Welt? Warum versuchen sie diese zu unterjochen? Oder sind am Ende wir selbst das größte Übel? Schließlich sind wir es, die ohne augenscheinliches Ziel durch die Tempel streifen und einen Titanen nach dem anderen mit unserem Bogen das Leben austreiben.

War der Pfeil im Hintern wirklich nötig?

War der Pfeil im Hintern wirklich nötig?

AUFKOMMENDE ZWEIFEL

Hier ist ganz klar der Vergleich mit Shadow of the Colossus zu ziehen. Je weiter wir im Spiel voran schreiten, umso mehr zweifeln wir an unserem Handeln und fragen uns, warum wir eigentlich tun was wir gerade tun. Klar, es ist ein Spiel und erwartet wohl diese Schritte von uns. Aber sind wir durch das langjährige Spielen so abgestumpft worden, dass wir Feind um Feind erlegen, nur weil wir es nicht anders kennen? Weil wir denken „Die Sau wird es schon verdient haben“? Ich für meinen Teil wurde im Zuge des Spielens immer nachdenklicher. Zum einen sah ich keinen Sinn darin, die Titanen zu erlegen. Die Spielwelt veränderte sich schließlich kein Stück nachdem eine Gegend gesäubert war, alles sah aus wie davor. Allerdings trieb mich die Neugier immer weiter voran. Mit jedem Titanen den ich erlegt habe kam ich der Antwort näher, warum das alles überhaupt geschah. Warum mich die Entwickler dazu bringen, hunderte Bildschirmtode für einen scheinbar nicht existenten Zweck zu sterben. Eigentlich sind das Gedanken, die durch Überreizung bei den meisten Spielen gar nicht erst aufkommen. Dadurch, dass Titan Souls aber stellenweise über sehr lange Laufwege verfügt, während denen wir nichts weiter zu tun haben, also die märchenhafte Welt zu begutachten und unsere Gedanken frei durch die Gehirnwindungen ziehen zu lassen. Ein Punkt, an den andere Titel uns nicht kommen lassen. Nehmt euch die Zeit und denkt darüber nach, wann ihr euch das letzte Mal bei einer „gemütlichen“ Runde Call of Duty gefragt habt, warum ihr eigentlich gerade in bester John-Rambo-Manier von einem Raum in den nächsten geschnetzelt seid und Killstreak um Killstreak ausgelöst habt.

Wer ist dieser Magmaball? Was veranlasst ihn dazu, unbedingt über uns rollen zu wollen?

Wer ist dieser Magmaball? Was veranlasst ihn dazu, unbedingt über uns rollen zu wollen?

DIE BITTERE ERKENNTNIS

Ihr sehrt, Titan Souls unterscheidet sich stark von allem, was im AAA-Segment zu finden ist. Selbst der Indie-Bereich bietet wenige Titel, die mir so stark unter die Haut gegangen sind wie diese kleine Perle. Die Immersion ist größer, als ich sie mir bei jedem Rollenspiel vorstellen kann und die quasi nicht existente Geschichte schlägt jeden Shooter oder auch viele Adventures um Längen. Einfach weil wir sie in unserem Kopf selbst schreiben. Warum müssen wir diesen Titanen erlegen, diese wunderschönen, stellenweise schon fast majestätischen Wesen? Die Entwickler haben es geschafft, beim Spieler eine Neugier durch Ahnungslosigkeit zu wecken, so dass wir die scheinbar sinnlose Aufgabe zu Ende bringen wollen. Das simple und doch motivierende Gameplay tut sein Übriges, wenn nach dem dreißigsten Versuch der Titan endlich sein Leben aushaucht und wir seine Seele in uns aufnehmen, ist das ein Gefühl als könnten wir Berge versetzen. Die Kämpfe sind kurz genug um zu motivieren, theoretisch kann jeder Titan in wenigen Sekunden erlegt werden. Ob und wie der Titel aufgelöst wird lasse ich bewusst offen stehen, das Erlebnis soll jeder einzelne für sich selbst haben. Ich für meinen Teil werde lange und gerne an Titan Souls zurück denken, als einen Titel, der mich begeistern und zum Nachdenken bringen konnte, wie es schon lange kein Spiel mehr geschafft hat.


Titan Souls gibt es jetzt auf STEAM und im Playstation Store