#4 ImDelorean: Dinos, Dunst und Dosenbier

Dinos, Dunst und Dosenbier

Willkommen Pixelbürger, Ritter oder Veteran!

Der eine unter euch mag mich noch kennen, der andere wohl eher nicht. Ich bin Alex, freier Schreiber für die Pixelburg und befasse mich in meiner Kolumne “Im DeLorean” ausgiebigst mit all euren ehemaligen Liebschaften. Vorzugsweise geht es dabei um jene Schönheiten, die ihren Lebensabend in Plastik gehüllt und Kartons verpackt auf den Dachböden dieser Welt fristen. Aber auch wenn deine Weste lupenrein und dein Gaming-Führungszeugnis kurz ist, lohnt sich ein Blick zurück in die Vergangenheit. Die Geschichten aus einer Zeit vor dem Internet werden eines Tages dein “Erzähl uns etwas aus dem Krieg”. Und nichts kommt dann besser an, als wenn du dich entspannt in deinem virtuellen Ohrensessel zurücklehnst, einen tiefen Zug aus der digitalen Meerschaumpfeife nimmst und zum prasselnden Soundfile eines Lagerfeuers den staunenden Avataren deiner Enkelkinder von Röhrenfernsehern, GamePad’s und Konsolenspielen berichtest.

Welche Titel der letzten 30 Jahre dabei deine Märchenstimme verdient haben und welche du deinen imaginären Enkeln lieber vorenthälst? Ich werde dir helfen!

Es war einmal in einer weit, weit entfernten Galaxis

Eine Unendlichkeit ist mein letzter Beitrag her. Vielleicht sogar mehr. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor. Nach einer Überdosis Verpflichtungen erwachte ich vor einigen Wochen in der Ausnüchterungszelle des Lebens, die sich Freizeit schimpft. Wackelig und unbeholfen gestalteten sich meine ersten Schritte. Doch ich war motiviert endlich wieder zu schreiben. Etwas modernes, zeitgemäßes musste her.

JETZT NEU: Jurassic Park Sequel, Star Wars und Arnold Schwarzenegger als Terminator – prankte auf den Startseiten der News. Ich entschied mich dann für Turok – Dinosaur Hunter von 1996.

Mit großen Kalibern auf der Suche nach der güldenen Triangel.

Mit großen Kalibern auf der Suche nach der güldenen Triangel.

Dieses Stück Videospielgeschichte wurde von Iguana Entertainment und Acclaim für N64, PC und als pixeliger Side-Scroller sogar auf dem GameBoy released. Ihr schlüpft dabei in die Rolle des nacktbrüstigen Indianers mit titelgebendem Namen und schwingt durch linear aufgebaute 3D-Dschungellandschaften. Der Gier des weißen Mannes verfallen, gilt es dabei mit einer solchen Inbrunst goldene Dreiecke zu sammeln, dass ihr fürchten müsst, hinter jeder Ecke wahlweise von einem elfenohrigen Pimpf oder einem schnurrbärtigen Klempner aufgeknöpft zu werden. Überhaupt bedienten sich die Entwickler großzügig an bekannten Jump’n’Run Elementen des Platzhirsch Nintendo und gaben sie in einen Topf mit einer Prise Doom. Heraus kam ein “Super Mario 3D – Clint Eastwood Edition”, das euch entscheiden lässt, ob ihr euren Dinosaurier lieber mit Pistole oder Gatlinggewehr serviert bekommt. Die Frage, wieso ein schwer bewaffneter Indianer auf einer verlorenen Insel goldene Dreiecke sammelt, Portale öffnet und Dinosaurier erdrosselt stellt sich dabei nicht wirklich. Wobei ich mich im nachhinein tatsächlich etwas wundere, wie dieser Mix gelingen konnte. Heute, 19 Jahren nach Release, ist dem Spiel die Zeit jedenfalls schmerzlich anzusehen. Die Grafik ist eher schlecht als recht gealtert, das Gameplay wiederum so bodenlos wie meine Landungen während der Jump’n’Run-Parts. Es gibt keinen roten Faden, der eine Handlung umreißt – nichtmal eine schurkige Schildkröte, die Prinzessinnen entführt. Nebeliger Dunst liegt über allen Gebieten und drückt auch schwer auf meinen persönlichen Spielspaß.

Durch diese Portale schlüpfen wir von einem Level zum nächsten.

Durch diese Portale schlüpfen wir von einem Level zum nächsten.

Positiv gestaltet sich dagegen die Atmosphäre. Die musikalische Untermalung ist sicher nicht die beste, aber durchweg stimmig. Sie treibt voran, hält die Anspannung hoch und weiß die Momente, in denen ich fluchend in den Abgrund falle souverän in Szene zu setzen. Auch die Gegner an sich haben hier und da ein paar nette Skillsets, die durchblicken lassen, was die Faszination Turok damals ausgemacht haben muss. Die große Blütezeit der 90er Jahre hat es aber zweifelsohne hinter sich, die weder Acclaim noch meine anhaltende Begeisterung retten konnte. Beide gingen über die Jahre pleite und sind heute nur noch vage Erinnerungen.

Das metaphorische Finale

Turok ist wie dieses Dosenbier, das vor vielen Jahren in die Polsterritze deiner Lieblingscouch gerutscht ist. Dir ist die ganze Zeit über bewusst, dass es da ist. Hin und wieder hast du vielleicht mal einen verschmitzten Blick darauf geworfen und dich gefragt, ob es wohl noch genießbar ist. Letztlich gehört es aber in die Tonne. Der leicht muffige Geruch von “überholtem Gameplay” und die Note “Linearität” laden heute einfach nicht mehr zu berauschten Nächten vor dem Rechner ein.

Cover eines Comics aus den "Dark Horse Archives".

Cover eines Comics aus den “Dark Horse Archives”.

Als kleiner Wehrmutstopfen bleibt, dass Turok ursprünglich auf einer Comicbuch-Reihe basiert, die auch heute noch wirklich schön anzusehen ist. Erst 2008 wurden Teile neuaufgelegt und finden sich als “Dark Horse Archives” in jedem gut sortierten Comicbuchladen. Auch die Hoffnung, dass ein Jurassic World die Dinosaurier zurück in den Mainstream bringt und zumindest das Erbe eines Turoks neu entfacht hält sich Wacker in mir. Der aktuelle Hype um “ARK – Survival Evolved” ist dabei ein guter Vorgeschmack, auf das was kommen könnte. Ich jedenfalls bin gespannt und freue mich auf die Rückkehr der Uhrzeitechsen. Und vielleicht ist es auch genau das, was am Ende selbst ein schales Bier genießbar macht. Ein bisschen Flair, ein bisschen Erinnerung. Prost!

Alex